Über uns | Frühjahrstagung 2010

Frühjahrstagung der Studiengruppe für restaurative Zahnheilkunde e.V. – Die Zahnarztgruppe – anlässlich des Dr. Joachim Schulz-Bongert Symposiums des Karl-Häupl-Instituts der ZÄK Nordrhein am 26./27.2. 2010 in Düsseldorf

Ein Bericht von Dr. John Bierreth

In Vertretung des Präsidenten des BZÄK Dr. Peter Engel wurde der Hörsaal des Karl-Häupl-Instituts zum Gedenken an den Ehrenpräsidenten der Zahnärztekammer Nordrhein und Ehrenvorsitzenden der Studiengruppe für restaurative Zahnheilkunde e.V. auf den Namen "Dr. Joachim Schulz-Bongert Hörsaal " eingeweiht.

Dem Jubilar wurde posthum für seine großen Verdienste um die Zahnärztekammer Nordrhein gedankt. Stellvertretend für den BZÄK Präsidenten und ehemaligem Präsidenten der ZÄK Nordrhein, Dr. Peter Engel, würdigte der Fortbildungsreferent der ZÄK Nordrhein, Dr. Dr. Georg Arentowicz das positive Wirken Joachim Schulz-Bongerts für die Kammer über fast 3 Jahrzehnte. Neben vielem anderen wurde der Initiativkreis für umfassende Zahnheilkunde (IUZ) genannt, den er 1980 ins Leben gerufen hat. Danach richtete der neu gewählte Kammerpräsident, Dr. Johannes Szafraniak, ein Grußwort an das Auditorium und erläuterte seine gute, freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Geehrten. Im Anschluss nahm der Vorsitzende der Studiengruppe, Prof. Dr. Norbert Linden, die Gelegenheit wahr, Dr. Joachim Schulz-Bongert für die Gründung der Studiengruppe im Jahre 1976 zu danken. In seiner humorvollen Rede zählte er Namen von Pionieren und Nobelpreisträgern wie Edison, Röntgen, Curie und Flemming auf. Ohne Edison, den Erfinder des elektrischen Lichts müssten wir Zahnärzte heute noch in einer dunklen Mundhöhle arbeiten. Nicht zuletzt betrachtet er "Jo" als einen Lichtpunkt für uns Zahnärzte. Als vierter Vorredner sprach sein Sohn, Dr. Udo Schulz-Bongert sehr emotional bewegt über das Leben seines Vaters, die Auswirkung seiner mannigfaltigen Tätigkeiten auf die Familie.

Prof. Dr. Linden eröffnete dann die Fachtagung.

Zuerst referierte Prof. Dr. Michael J. Noack( Köln) über das erhöhte Wurzelkariesrisiko nach Parodontaltherapie. In diesem Zusammenhang ist nicht das Alter des Patienten sondern die Menge der freiliegenden Wurzeloberflächen entscheidend. Je tiefer die Zahnfleischtaschen, desto größer die Prävalenz für SM-Bakterien und damit schlussendlich für Karies. Besondere Vorsicht gilt für die maintenance Phase nach der PA Behandlung, bei der eine ph-Wert Verschiebung zum Sauren zu beobachten ist. Die Mutansimfung ist nicht wirkungsvoll, weil dafür andere "gute" Bakterien in diesen ph- Bereich auch getötet würden. Durch regelmäßige Clorhexidin -und Fluoridgabe nach dem Rootplaning kann Wurzelkaries gestoppt werden.

Anschließend sprach Prof. Dr. Werner Götz (Bonn) über das Thema "Stammzellen in der Zahnmedizin - Wunsch oder Wirklichkeit?" Bei den Stammzellen handelt es sich um undiffernziertes biologisches Material, welches noch pluripotente Eigenschaften hat. Progenitorzellen dienen als Trägermaterial für Stammzellen. Man unterscheidet embryionale Stammzellen (fertile Zellen) von adulten Stammzellen (z. B. aus dem Knochenmark). S. Granthos, der an der Uni Adelaide dentale Stammzellenforschung aus der Pulpa betreibt, konnte feststellen, dass die Zellen sich auf Plastik wohlfühlen, alle anderen sterben ab. Sie sind bis zu 10 Jahre kryokonservierbar. Es werden heute Osteoblasten, Desmoblasten, Zementoblasten und auch Hepatozyten auf CaOH2 als Nährsubstanz gezüchtet. Auf diese Art können zwar schon zahnähnliche Strukturen generiert werden, Zahnersatz in toto liegt allerdings noch in weiter Ferne.

Prof. Dr. Heinz Renggli (Nijmegen), ein langjähriges Mitglied und auch ehemaliger Vorsitzender der Studiengruppe, referierte über "Dentale Restauration und Parodont – eine harmonische oder folgenschwere Beziehung ". In der cervicalen Sulcusregion entsteht die Entzündung z.B. durch überstehende Füllungsränder. Die Plaque löst zwei Krankheiten aus. Einmal Karies und zum zweiten Gingivitis/ Parodontitis. Die Streptokokken sind 5 bis 10 mü groß, Randdefekte 5-100µ. Wir befinden uns in einer Zone der Irritation (Zone of co-destruction). Artikulationsstörungen erzeugen keine Taschen nur erhöhte Mobilität. Natürliches Parodont ist deutlich besser durchblutet als der Knochen um das Implantat. Die Paro-Sonde geht beim Implatat grundsätzlich bis zum Knochen. Folglich kommt die Entzündung beim Implantat viel schneller voran. Daher muss die Periimplantitis durch regelmäßige Clorhexidinspülungen verhindert werden.

Im Anschluss gab sich Prof. Dr. Franklin S. Weine (Chicago) die Ehre, ein langjähriger Freund und Lebensgefährte von "Joe". Er kann auf 50 Jahre Lehrtätigkeit in Endodontie und daraus folgend auf ca. 60 000 Wurzelkanalbehandlungen zurückblicken. Mit einer ganzen Reihe spektakulärer Fälle, die zum Teil voll dokumentiert über einen Zeitraum von einem, fünf, zehn und zwanzig Jahren beobachtet wurden, konnte er das Auditorium beeindrucken. Der Leitsatz für seine Erfolge lautete: " Don't give up the ship!"

Am Samstag referierte Dr. Wolfgang Fischer (Ladenburg) über " Die Kunst der ästhetischen Seitenzahnrekonstruktion". Er konstatiert, dass es sich bei der "Chirurgie" um ein Handwerk handelt und "Ästhetik" nichts mit Schönheit zu tun hat, sondern mit Wahrnehmung und Erkenntnis! Schönheit sei nur Selbstzweck. Ästhetische ZHK heißt nicht bleeching, sondern Heilkunde, die sich nach der Natur richtet. Also nicht Restauration sondern Rekonstruktion ist der Leitsatz. Er zeigte eine Reihe von ausgedehnten Füllungen bis zu Teilkronendimensionen, die er alle direkt in der Mundhöhle kunstvoll modelliert hat. Der Schrumpfungsproblematik geht er aus dem Weg indem er eine Dehnfuge einrichtet durch vorheriges Legen einer Glasionomerunterfüllung verbunden mit selektivem Bonding.

Im Anschluss berichtete Dr. Franzjosef Ahrens (Dormagen) über "Die Biomechanik der okklusalen Funktionsfläche". Der Höckerabhang darf nicht konvex gestaltet werden, sondern soll ein vorgelagertes Tuberkulum darstellen und dann konkav auslaufen, um einen Freiraum zu schaffen. ZtM M. H. Polz konnte nachweisen, dass die Kauflächen seines biomechanischen Aufwachskonzeptes über Jahre nach der Eingliederung der restaurativen Arbeiten immer noch im Mund störungsfrei funktionieren.

Dr. Sabine Hopmann (Lemförde) referierte über " Totale Prothesen und innovative Zahnheilkunde". Die Aufstellung der Zähne ist bei der Totalprothese und der Scann-Prothese identisch. Wichtig ist den Patienten um das Mitbringen von alten Fotos zu bitten. Die Zahnform in der Totalprothetik wird mit Hilfe der Gutowski Schiebelehre ausgesucht. Um im Unterkiefer einen Saugeffekt zu erreichen, ist es unabdingbar das retromolare Dreieck mit abzuformen. Gutowski fordert auch in der Totalprothetik eine Front- Eckzahnführung. Eine echte Innovation für die Implantologie ist aus ihrer Erfahrung die digitale Volumentomographie (DVT), weil sehr schön präoperativ festgestellt werden kann, wo das Implantat im ortsständigen Knochen steht und wo der Zahn hin muss.

Dr. Magret Bäumer (Köln) berichtete aus ihrer parodontalen Tätigkeit über die nicht immer einfache Entscheidung, ob Zahnerhalt oder Extraktion für den Patienten die bessere Therapieentscheidung ist. 2009 wurden in Deutschland 1 Million Implantate inseriert, hundert verschiedene Implantattypen stehen den Zahnärzten zu Verfügung. Nach wie vor muss bei Implantaten mit ca, 0,2 mm Knochenresorption pro Jahr gerechnet werden. Man kann mit ihnen eine adäquate Ästhetik erreichen. Die Erfolgsrate im OK liegt bei ca. 93 %, im UK ca. 95% und bei Sinuslift ca. 89%. Bei Patienten, die Bisphosphonate iV verabreicht bekommen, liegt eine Kontraindikation für Implantate vor. Bei Rauchern und Osteoporosepatienten muss mit einem Verlust von 25% gerechnet werden. Für ein adäquates ästhetisches Ergebnis in der OK Front ist eine ridge preservation von Vorteil, da das Weichgewebe gestützt wird. Die Referentin führt dies mit Bio oss + Bio guide + Pontic durch. Weichgewebsmanagement beim Frontzahnimplantat mit Hilfe eines Bindegewebsimplantates wird als notwendig erachtet. Bei Sofortimplantation muss mit ca. 1mm Resorption gerechnet werden. Da das DVT eine Ungenauigkeit von 0,5 – 1,4 mm hat, sollte man sich nicht blind auf Schablonentechnik verlassen. Bei Zirkonoxydimplantaten sollte ein halbes Jahr Einheilungszeit für die Osseointegration gerechnet werden. Die Erfolgsrate für die Front ist noch unbekannt und es stellt eine große Herausforderung dar, eine perfekte Ästhetik zu erreichen. 48% ihrer Patienten haben eine schwere Parodontitis, 40% eine leichte Form. Wenn nach geschlossener Therapie noch 6mm Taschen vorliegen, sollte in einem 2. Schritt offen therapiert werden. Widmannlappen oder apic. Verschiebelappen führen langfristig zum gleichen Ergebnis. Bei vertikalen Defekten ist ein Regenerationsverfahren empfehlenswert.
Mit Hilfe von Emdogain + Bio oss + Membran kann mit einem Attachmentgewinn von ca. 2mm gerechnet werden. Das Hauptproblem bleibt, dass 22 bis 34% der Patienten während der Nachversorgung keine compliance haben. Eine Extraktion sollte immer dann vorgenommen werden, wenn die Entzündung nicht beherrschbar ist.

Zum Abschluss der Veranstaltung führten Dr. Peter Beyer (Düsseldorf) und
Dr. Rüdiger Butz (Moers), wirklich "alte" Freunde von Dr. Schulz-Bongert, ein offenes Podiumsgespräch über ihre persönlichen Erlebnisse bei der Gründung der Neue Gruppe "Schulz-Bongert" im Jahre 1966 und der Gründung der Studiengruppe für Restaurative Zahnheilkunde am 6.12.1976.

Man kann von einer nicht nur gelungenen Veranstaltung sprechen, sondern von einem Event, dass der Größe der Persönlichkeit von Dr. Joachim Schulz-Bongert ausnahmslos gerecht wurde.

Dr. John Bierreth, Liechtenstein, Schriftführer der Studiengruppe für Restaurative Zahnheilkunde e.V.